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Predigt über Jes. 42, 3, „Das geknickte Rohr wird er nicht zerbrechen, und den glimmenden Docht wird er nicht auslöschen.“
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Predigt über Jes. 42, 3, „Das geknickte Rohr wird er nicht zerbrechen, und den glimmenden Docht wird er nicht auslöschen.“

Predigt vom 11.08.13 (Pfarrer Dr. Arndt Haubold) Ort: Martin-Luther-Kirche

Liebe Gemeinde!

Der biblische Wochenspruch für diese Woche lautet: „Das geknickte Rohr wird er nicht zerbrechen, und den glimmenden Docht wird er nicht auslöschen.“ (Jes. 42,3) Geknicktes Rohr und glimmender Docht – zwei anschauliche Bilder für menschliche Schwachheit. Schilfrohr war ein wichtiges Baumaterial im alten Orient, es diente zum Decken von Dächern ebenso wie zum Transportieren von Lasten. Rohrstangen wurden für Zäune, Matten, Gerüste, Flöße, Traggestelle, aber auch Messruten und Schreibfedern verwendet. Dennoch war es immer ein zerbrechlicher Werkstoff, weil es innen hohl war, und wurde trotzdem verwendet und nicht weggeworfen. Der glimmende Docht wurde sehr sorgsam gehütet, da das Entzünden von Feuer noch ohne Feuerzeug und Streichhölzer immer ein aufwändiger Vorgang war. Gott geht sorgsam und aufmerksam und schonungsvoll mit uns um, so sagt es das Wort des Profeten. Nicht immer erweckt es jedoch den Anschein…

Heute vor 37 Jahren loderte ein glimmender Docht hell auf. Auf dem Marktplatz von Zeitz hatte sich der Rippichaer Pfarrer Oskar Brüsewitz nach dem Gottesdienst mit einem Kanister Benzin übergossen und vor den Augen von etwa 100 Passanten angezündet. Er hatte zuvor noch zwei Plakate aufgestellt, auf denen Protestworte gegen die kirchenfeindliche Politik der DDR zu lesen waren. Staatliche Organe griffen schnell ein, Brüsewitz wurde nach Halle ins Krankenhaus gebracht, wo er an seinen Brandverletzungen zwei Tage später verstarb, ohne dass ihn seine Angehörigen besuchen durften. Erst zwei Tage später berichteten auch westdeutsche Medien über den Vorfall. Noch einen Tag später zog das „Neue Deutschland“ nach mit einer Meldung, die sich angeblich auch auf kirchliche Kreise berief und das Fanal als die Tat eines Verrückten darstellte.

Den Vorfall zu deuten, war in der Tat sehr schwierig. Die meisten Christen konnten den Selbstmord nicht als gottgewollte Handlung verstehen und waren darüber äußerst ratlos. Andererseits konnten viele nachempfinden, was Brüsewitz damit anklagte, und wollten ihm deshalb lieber zur Seite stehen als der staatlichen Deutung  zu folgen. Die Holzbildhauerin Nahmmacher, deren Werke in der Großstädtelner Kirche zu sehen sind, hat für den Toten ein künstlerisches Grabmal entworfen, das der DDR- Staatssicherheitdienst nicht aufzustellen erlaubte. Das zeigt, dass es nicht nur eine Wahnsinnstat war. Brüsewitz selbst hatte in einem Abschiedsbrief seine Tat nicht als Selbstmord, sondern als Zeugnis dargestellt.    

Während der DDR-Zeit wurde das Geschehen so gut wie verleugnet. Nach der Wende wurde in Zeitz eine kleine Gedenkstätte im Museum eingerichtet und ein Denkmal vor der Michaeliskirche errichtet. In einem Buch über christliche Märtyrer des 20. Jahrhunderts wird ihm ein Artikel eingeräumt neben Dietrich Bonhoeffer, und damit wird die Frage gestellt, ob er so etwas wie ein evangelischer Heiliger ist. Auch in Markkleeberg findet sich eine kleine Gedenktafel an dem Haus in der Städtelner Straße, wo er von 1955 bis 1959 eine Schusterwerkstatt betrieb. Erst später wurde er Pfarrer. Für arme Kinder unseres evangelischen Kindergartens soll er kostenlos Schuhe angefertigt haben. Er gehörte jedoch nicht zu unserer Kirchgemeinde, sondern war Mitglied der Elim-Gemeinde in Leipzig, später der landeskirchlichen Petersgemeinde.

Darf oder soll ein Christ sein Leben als Brandopfer einsetzen? Der Vorgang ist nicht einzigartig. Der Erzvater Abraham wollte ja seinen Sohn Isaak auf Gottes Weisung als Brandopfer hinrichten, auch wenn das nur eine Gehorsamsprüfung war, die dann unblutig ausging. Und Paulus schreibt rätselhafterweise in 1. Kor. 13, dem „Hohelied der Liebe“: „Und wenn ich meinen Leib brennen ließe… und hätte der Liebe nicht, wäre mir`s nichts nütze“ – also muss es solche Ereignisse gegeben haben. Sein unmittelbares Vorbild hatte Brüsewitz aber vielleicht in jenem tschechischen Studenten Jan Palach, der sich 1969 auf dem Wenzelsplatz in Prag aus Protest gegen die Niederschlagung des „Prager Frühlings“ auf ähnliche Weise verbrannt hatte, oder in dem Polen Ryszard Siwiec, der sich aus demselben Grund schon 1968 in einem Warschauer Stadion verbrannt hatte. Es gab auch mögliche Nachahmer. Zwei Jahre später verbrannte sich der Pfarrer Rolf Günther in der Kirche zu Falkenstein/Vogtl. vor den Augen der Gottesdienstgemeinde. Am Reformationsfest 2006 verbrannte sich in Erfurt der Pfarrer Roland Weißelberg im Augustinerkloster und gab an, es aus Sorge um das Vordringen des Islam in Deutschland getan zu haben. Auffällig ist, dass die Taten in einer Diktatur mehr Aufsehen erregten – in einer Diktatur gibt es nicht viele Möglichkeiten, seinen Protest zu zeigen. In einer freien Gesellschaft gibt es so viele Mittel dafür, dass eine Selbstverbrennung wenig Beachtung findet.

Bei der Beurteilung stehen wir vor der schwierigen Entscheidung, ob wir dem Gebot „Du sollst nicht töten!“ höchsten Rang einräumen - oder ob wir auf das Opfer Jesu am Kreuz verweisen, das ja auch ein vielleicht vermeidbares Selbstopfer gewesen ist. Jedenfalls gibt es eine starke Deutungstradition, dass er sich für uns am Kreuz hingegeben hat. Denkt man aber auch an andere Verbrennungen mit religiösem Bezug, etwa die Verbrennungen jüdischer Thorarollen und jüdischer Synagogen durch die Nazis oder die Ketzerverbrennungen der mittelalterlichen Inquisition, wie etwa an Jan Hus vollzogen, also unfreiwillige Brandopfer, die es genug gab, dann fällt es mir schwerer, ein gottgewolltes Zeichen in einer Selbstverbrennung zu sehen. Vor allem ist es schwer, darin eingedenk der Worte des Paulus, eine Tat der Liebe zu sehen, wenn man an die Angehörigen und Freunde denkt. Dennoch verurteile ich jene Menschen nicht leichtfertig, denn ich ahne die innere Not, in der sie sich befanden. Mit den islamistischen Selbstmordattentaten haben diese Selbstverbrennungen übrigens nichts gemein, denn dabei werden nicht andere in den Tod gerissen.

Warum lässt Gott das zu? Warum scheint in diesen Fällen das Wort nicht zuzutreffen: „Das geknickte Rohr wird er nicht zerbrechen, und den glimmenden Docht wird er nicht auslöschen“? Warum lässt Gott Kriege geschehen und schlimme Verkehrsunfälle, warum schwere Krankheiten und Seuchen, die Menschen in der Jugend hinraffen, warum Hochwasser und Wirbelstürme – warum lässt er glimmende Dochte auslöschen und geknickte Rohre zerbrechen?

Manches davon ist menschengemacht. Wenn einer mit dem Zug oder mit dem Motorrad rast und tödliche Unfälle herbeiführt, können wir das nicht Gott in die Schuhe schieben – auch Kriege nicht. Naturkatastrophen aber und Krankheiten sind kaum Menschenwerk. Die Güte Gottes erscheint uns darin nicht. Seit Urzeiten stellen Menschen diese Frage, aber merkwürdigerweise hat das noch nicht zum Aussterben des Glaubens geführt. Im Gegenteil: Immer wieder gleicht Glaube einem glimmenden Docht, der in der tiefsten Not nicht verzweifeln möchte, sondern sich an Gott festhält: „Dennoch bleibe ich stets an Dir!“ Es gibt keine schlüssige und harmonische Antwort auf diese Frage nach Gottes scheinbarer Abwesenheit im Leid. Es gibt nur so etwas wie Respekt, dass wir die letzten Zusammenhänge der Welt nicht verstehen, aber auf einen Sinn vertrauen. Und es gibt eine tiefe Sehnsucht in uns, dass hinter allem Schweren und Bösen doch eine Macht steht, die das Schwere und Böse nicht so stehen lässt, sondern eine Verwandlung bewirkt. Mit dem Glaubensbekenntnis Dietrich Bonhoeffers zu reden: „Ich glaube, dass Gott aus allem, auch aus dem Bösesten, Gutes entstehen lassen kann und will.“ Manchmal wirkt dieses Wort kitschig, aber was sollen wir sonst antworten auf die letzten Fragen?

 Amen

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Pfarrer Dr. Arndt Haubold
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