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Predigt am Erntedankfest, 28.9.2014, über Hbr. 13, 15ff
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Predigt am Erntedankfest, 28.9.2014, über Hbr. 13, 15ff

Predigt vom 28.09.14 (Pfarrer Dr. Arndt Haubold) Ort: Martin-Luther-Kirche

„So lasst uns nun durch Jesus Gott allezeit das Lobopfer bringen, das ist die Frucht der Lippen, die seinen Namen bekennen. - Vergesst nicht, Gutes zu tun und mit andern zu teilen, denn an solchen Opfern hat Gott Wohlgefallen.“

 Liebe Gemeinde!

Erntedank ist das letzte große Opferfest aus archaischer Zeit! Ansonsten ist vom alten Opferkult in der modernen Welt nicht mehr viel übriggeblieben. Wer spricht heute noch von „Opfer“? Die Architekten und Baufirmen kennen einen „Opferputz“. Die Raucher sprechen scherzhaft von einem „Rauchopfer“, wenn sie eine Zigarette dampfen. Und wir reden vom „Zeitopfer“, wenn wir einen Besuch machen oder eine Sitzung besuchen, während wir diese Zeit sonst effektiver nutzen könnten. Aber sonst ist Opfern aus der Mode gekommen, jedenfalls außerhalb der Kirche. Die meisten wollen gern haben und genießen, aber nicht geben und verzichten.

Das war in den Generationen vor uns anders. Die Ältesten unter uns erinnern sich noch an die Kriegszeit. Wie viele Frauen haben damals ihre Männer verloren, wie viele Eltern ihre Söhne! Da war stets vom Opfertod fürs Vaterland die Rede – Millionen Menschenopfer wurden gebracht, die wir heute mehr bedauern als bewundern. Wir gedenken aus heutiger Sicht eher aller Opfer der Kriege und Gewaltherrschaft auf allen Seiten. Wir können auch an die Glockenopfer erinnern, die unsere Kirche wie alle anderen gebracht hat: im ersten wie im zweiten Weltkrieg sind alle Glocken bis auf eine einzige von den Türmen geholt und für den Endsieg eingeschmolzen worden.

Wir opfern aber heute kein Leben mehr. Doch stimmt das? Fordert nicht der Straßenverkehr Jahr für Jahr noch tausende von Menschenleben – und reden wir da nicht von „Verkehrsopfern“? Sterben nicht wieder neu deutsche und andere Soldaten im Vorderen Orient? Verlieren nicht tausende unserer christlichen Brüder und Schwestern Heimat und Leben durch den Terror des Islamischen Staats und von Boko Haram? Müssen nicht Millionen von Tieren ihr Leben für unsere menschliche Fresslust opfern – so viele und auf so grausame Weise wie nie zuvor? Und wie viele Arten im Tier- und Pflanzenreich gehen unentwegt zugrunde, weil sie unserem ausschweifenden Lebensstil und den maschinellen Eingriffen in die Landwirtschaft zum Opfer fallen! Es wird also noch immer Leben geopfert, auch im Frieden, und auch wenn wir nicht so gern vom Opfer sprechen! Und wir werden an die Zwielichtigkeit unseres Erntedanks geführt – wir haben mehr als genug dank moderner Technik, wir werden auch diesen Winter nicht hungern müssen - aber das natürliche Gleichgewicht der Erde leidet unter unseren Eingriffen. Und doch können wir die Menschheit künftig nicht anders ernähren als durch eine Steigerung der Technik!

Der alte, alttestamentliche Opferkult zugunsten Gottes aber ist uns fremd geworden, der uns von Kain und Abel an in der Bibel begegnet. Von den Früchten des Feldes und der Herden wurden die Erstlinge Gott zum Opfer gebracht. Ein kleiner Teil wurde auf dem Altar verbrannt, der größere Teil diente zum Unterhalt der Priester, die ja keinem Erwerbsberuf nachgehen durften, und der Versorgung der Armen. Es wurde Gott etwas dargebracht von dem, was scheinbar dem Menschen gehört, was er erarbeitet oder geerntet hat - und was ihm doch ohne Gottes Zutun und Segen nicht gehören würde.

Das Christentum hat allerdings mit diesem alttestamentlichen Opfer gebrochen. Das Lebensopfer Jesu am Kreuz wurde als letztes großes Opfer betrachtet, das nicht zu überbieten ist und deshalb den alten Opferkult beendet. Seitdem gibt es in der Kirche keine Rauch- und Schlachtopfer mehr. Die Schnittblumen auf dem Altar – deshalb dürfen es keine Blumenstöcke sein – sind das letzte Überbleibsel des alten Schlachtopfers, die Kerzen der letzte Rest des Brandopfers. Nur das Abendmahl ist eine Form, bei der das Opfer Jesu ins Gedächtnis gerufen wird. Die katholische Kirche nennt ihren Gottesdienst „Messopfer“, weil das Opfer von Leib und Blut Jesu darin stets aufs neue dargebracht wird. Wir Evangelischen gehen stärker von der Einmaligkeit des einstigen Opfers Jesu aus und betonen beim Abendmahl die Gemeinschaft und die Versöhnung und die Stärkung, die Gott damit schenkt, und sehen darin nicht ein erneut vollzogenes Opfer Jesu.

Aus dem blutigen und brennenden Opfer ist in der Christenheit also ein vergeistigtes Opfer geworden. Wir gehen nicht mehr von der Vorstellung eines hungrigen oder zürnenden Gottes aus, den wir mit materiellen Opfern zufriedenstellen oder besänftigen müssten. Nein, vom „Lobopfer unserer Lippen“ ist im Hebräerbrief die Rede.

Was ist das? Den Namen Jesu mit unseren Lippen zu bekennen, ist die angemessene Art des christlichen Opfers. Ja, ist das nicht ein leichtes Opfer? Es mag auf den ersten Blick so aussehen, aber in Wahrheit ist es schwerer, als wir denken. Es genügt nicht, einfach „Jesus“ zu sagen. Gott das „Lobopfer der Lippen“ darzubringen, fängt am Sonntagmorgen an. Vielen Christen fällt es wirklich noch sehr schwer, am Sonntagmorgen regelmäßig den Namen Jesu zu bekennen – nämlich hier in der Gemeinschaft der Kirche, zu der uns die Glocken zusammenrufen. Ich kenne Christen, die sagen, sie könnten auch ohne Gottesdienst glauben. Natürlich geht das. Aber der Gottesdienst ist eben das sichtbare Zeichen des christlichen Glaubens in und vor der Welt. Wer einmal gesehen hat, wie die Menschen am Sonntagmorgen in katholischen Gegenden zu Hunderten zum Gottesdienst strömen, der versteht, welche Bedeutung solch ein öffentliches Zeugnis hat. Der Gottesdienst ist das erste Lobopfer der Lippen, auf das Gott wartet.

Und vielen Christen, vor allem den Männern und den Jugendlichen, fällt es schwer, in ein Kirchenlied einzustimmen. Sie  sind das Singen nicht mehr gewohnt, wie es einst der Bauer auf dem Feld oder abends in der Schenke anstimmte. Die Verstöpselung der Ohren und die Dauerbeschallung durch Musikmaschinen machen die Sangesfähigkeit bei vielen Menschen heute kaputt. Aber der Kirchengesang gehört seit 2000 Jahren, und ganz besonders seit 500 Jahren, seit der Reformation, zum wesentlichen Ausdruck christlichen Glaubens. Überwinde dich, habe Mut zum Mitsingen - auch einen fröhlichen Brummer hat Gott lieb, aber er mag nicht das Schweigen beim Lobopfer. Das ist wie an einer gedeckten Tafel sitzen und nicht mitessen. Und unsere Kurrende und unsere Kantorei suchen noch Mitsänger! Wem Gott eine passable Stimme gegeben hat, der sollte sich dort nicht drücken! Der Kirchengesang ist das zweite Lobopfer der Lippen, auf das Gott wartet.

Manchen Christen fällt es drittens schwer, überhaupt den Namen Jesu im Alltag in den Mund zu nehmen. Sie murmeln vielleicht etwas von „gehöre zur Kirche“, aber sie schämen sich zu sagen „In Jesu Namen fange ich an.“ Es ist leichter, einen Fisch ans Auto zu kleben und damit herumzufahren, als den Namen Jesu im Alltag über die Lippen zu bringen. Einige Christen haben auch Schwierigkeiten, das Vaterunser bei einer Trauerfeier am Grab  mitzusprechen oder das Glaubensbekenntnis zu sprechen, wenn sie als Paten am Taufstein stehen. Andere können gerade noch das Vaterunser beten, aber kein Morgen- oder Abendgebet, kein Tischgebet, kein Gebet mit freien Worten. Da gerät auch das Lobopfer ins Stocken. Schließlich fällt es vielen auch leichter, allgemein von Gott zu reden, als sich zu Jesus Christus zu bekennen. Von Gott aber reden viele, auch Nichtchristen. Mit dem Bekenntnis zu Jesus Christus erst geben wir uns wirklich als Christen zu erkennen. „Durch Jesus Gott das Lobopfer bringen“ heißt wirklich, Jesus als Gottes Sohn, als Herrn und Heiland der Welt und als Teil der göttlichen Dreieinigkeit zu bekennen und zu ihm zu beten. Das ist das dritte Lobopfer der Lippen, auf das Gott wartet: den Namen Jesu zu nennen und zu bekennen und das Gebet zu pflegen. Das ist das dreifache Lobopfer unserer Lippen.

Neben das Lob- oder Lippenopfer tritt aber noch das Gott wohlgefällige Opfer der Mildtätigkeit – das eigentliche „Dankopfer“. „Vergesst nicht, Gutes zu tun und mit anderen zu teilen, denn an solchen Opfern hat Gott Wohlgefallen!“ Das war vor einigen Jahren einmal die Jahreslosung. Das geistige Opfer verlangt nach einem praktischen Ausdruck. Der christliche Glaube hat immer diese zwei Seiten: glaubendes Bekenntnis und praktische Hilfstätigkeit. Die Mildtätigkeit ist das, was wir eigentlich landläufig als Opfer verstehen. Spenden nennt es die Welt, Dankopfer heißt es im Kirchenjargon, weil es eben eine Form des alten Opfers ist. Eine freiwillige, von Herzen kommende Gabe, die dem darbenden Mitmenschen zugutekommen soll. Ein Opfer hat immer einen religiösen Bezug zu Gott. Deshalb sage ich in der Kirche nicht so gern „Spende“, denn eine Spende ist etwas, das auch ohne Bezug auf Gott funktioniert, vielleicht sogar etwas sehr Berechnendes und Anrüchiges aus der Welt der Politik und Wirtschaft. Ich gebe mit meinem Dankopfer Gott etwas zurück von dem, was er mir vielfach geschenkt hat.

Was ist aber ein echtes Opfer, und was verdient diesen Namen nicht? Ist ein Euro im Kollektenbeutel ein Opfer, oder ist das etwas, das einfach so abfällt? Muss ein Opfer nicht ein bisschen wehtun? Wo beginnt das Opfer bei einem Menschen, der von der Mindestrente oder von Hartz IV lebt, und wo beginnt es bei einem Vielverdiener? Das muss jeder mit seinem Gewissen ausmachen. Eine alte Dankopferregel lautet: „Wenn du das Doppelte gibst von dem, was du geben wolltest, gibt’s du die Hälfte von dem, was du geben solltest.“ Nicht die Höhe, sondern die Einstellung ist aber das Entscheidende. Ich darf mich vor anderen nicht brüsten, wenn mein Opfer reichlich ist, und ich muss mich vor anderen dafür nicht schämen, wenn es knapp ist. Es muss von Herzen kommen, und ich muss das Gefühl haben, dass es ein Opfer ist.

In unserer Gemeinde ist die Opferbereitschaft nicht gering. Zu Weihnachten kommen für „Brot für die Welt“ Summen zusammen, die echte Opfer sind, und es sind einzelne unter uns, die dafür wirklich ein großes Opfer bringen. Aber auch die normalen Dankopfer, die in jeder Woche, an jedem Sonntag eingehen, haben oft Opfercharakter. Denn mancher gibt Sonntag für Sonntag sein Opfer, ein anderer kommt seltener und gibt dann für die letzten Sonntage mit. Es ist schön, dass es in unserer Gemeinde eine große Opferbereitschaft gibt, wie wir sie gerade für den Orgelneubau erleben – übrigens auch ein Lobopfer - und überhaupt sind wir Deutschen eines der opferfreudigsten Völker der Welt, aber die Christen darunter vielleicht die fleißigsten. Wo gibt es das noch, dass Woche für Woche so treu geopfert wird?

Heute aber, am Erntedankfest, kehren wir ein Stück ins Alte Testament zurück, und das ist erlaubt. Wir sehen vor uns zeichenhaft die Früchte des Feldes und des Gartens mit traditionellen Werkzeugen – auch wenn das nicht mehr den einst bäuerlichen Alltag unseres Ortes abbildet. Mag es ein Zeichen sein, so hat es doch seinen Wert. Die liebevollen Körbchen, von Kindergartenkindern und –eltern gepackt, die Gaben auf dem Erntewagen. Und diejenigen, die nicht mehr ihren Rücken krümmen und selbst nicht mehr säen und vom Feld ernten, ernten doch andere Früchte ihrer Arbeit. Deshalb besteht unsere Opferbereitschaft heute nicht nur in Naturalgaben, sondern in einem finanziellen Dankopfer für Menschen in Not.

So kommt beides zusammen – das Lobopfer unserer Lippen und das Gute, das wir tun und mit anderen teilen. So feiern wir das Erntedankfest angemessen als ein altes und noch immer lebendiges Opferfest!

 

 

 

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Pfarrer Dr. Arndt Haubold
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