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Predigt am 1. Advent über Ps. 24,7 bzw. den Choral „Macht hoch die Tür“
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Predigt am 1. Advent über Ps. 24,7 bzw. den Choral „Macht hoch die Tür“

Predigt vom 02.04.10 (Pfarrer Dr. Arndt Haubold) Ort: Martin-Luther-Kirche

Liebe Gemeinde!

das Lied „Macht hoch die Tür“ gehört zu den bekanntesten, beliebtesten und schönsten Adventsliedern. Es ist nicht nur im Evangelischen Gesangbuch, sondern auch im katholischen Gotteslob abgedruckt und in viele Sprachen übersetzt worden. Noch ehe wir über den Inhalt nachdenken, sind wir angerührt von der einmaligen Melodie, die auf kein anderes Lied übertragbar ist,  mit ihren langen Noten zum Zeilenschluss, die man wirklich aushalten muss.
Das Öffnen einer Tür gehört, verbunden mit einer Schlüsselübergabe, zum Einweihungszeremoniell einer Kirche, wie es heute in unserer Schwesterkirche in Großdeuben geschieht.  Allerdings muss uns das „Hochmachen“ stutzen lassen. Man kann heute Garagentore nach oben öffnen, und im Mittelalter ließen sich die Tore einer Burg oder einer Stadt nach oben ziehen – aber dann war der Eingang verschlossen. Ich kenne jedoch kein Kirchenportal, dessen Tür sich nach oben ziehen ließe. Im Psalm 24 ist vom königlichen Einzug in den Tempel die Rede, aber es war nicht der Herrscher-König, sondern der ewige Gott-König in Gestalt der Bundeslade Israels mit den Geboten Gottes gemeint. Man kann es so deuten, dass die Größe des ewigen Gottes alle irdischen Rahmen sprengt und keine Tür groß genug ist für ihn. Deshalb muss sie „hochgezogen“ werden – als wollte man den Himmel öffnen. Die Christenheit hat das Bild dann übertragen auf den Einzug Jesu durch die Pforten der unsichtbaren Welt der Hölle und des Himmels, wie wir es im Glaubensbekenntnis rezitieren. Erst in der Neuzeit, als der Sinn für tiefere Bedeutungen verlorenging,   hat man dann nur noch an den Einzug Jesu in Jerusalem gedacht. Man sollte auch das Gleichnis von den klugen und törichten Jungfrauen im Kopf haben, denen die Brautpforte des Himmels geöffnet oder verschlossen wird – ein häufiges Motiv an den Pforten der großen Dome.
Um die Entstehung des Liedes rankt sich eine anrührende Geschichte, auf deren Spur ich im August im russischen Kaliningrad unterwegs war. Wir schreiben das Jahr 1623 und befinden uns in Ostpreußen. Der Pfarrer Georg Weissel, gebürtig aus Domnau in Ostpreußen, wird zum Pfarrer der neuerbauten Altroßgärter Kirche, einem der schönsten Stadtteile von Königsberg, berufen. Am 2. Advent wird die Kirche feierlich eingeweiht, und am 3. Advent wird Weißel als Pfarrer dort eingeführt. Für beide Anlässe hat Weissel je ein geistliches Lied gedichtet, das bis heute bekannt ist. Für die Kircheneinweihung eben jenes „Macht hoch die Tür“, für seine Einführung „Such, wer da will, ein ander Ziel“. Wir sehen nun also die Altroßgärter Gemeinde in ihre neue Kirche zum ersten Gottesdienst einziehen, ihr Pfarrer vornean.
Im Zuge des Kirchenbaus war es aber zu einem nachbarschaftlichen Streitfall gekommen, der die Einweihung überschattete. Ein reicher Geschäftsmann namens Sturgis war der Nachbar. Ihm gehörte ein großes Wiesengrundstück neben der Kirche, auf dem er ein kleines Stadtschlösschen erbaut hatte und das er zum Schutz vor dem Betreten Unbefugter mit einem hohen eisernen Zaun umgeben und dessen Tore er verschlossen hatte. Jenseits lag aber das Armen- und Krankenhaus der Gemeinde. Dessen Bewohnern war nun nicht nur der nahe Weg in die Stadt versperrt, sondern auch der zur neuen Kirche. Sie mussten jetzt eine weite, mühevolle Strecke zurücklegen, für deren Bewältigung die Kräfte vieler Heimbewohner nicht mehr ausreichten. Die Forderungen der Stadtväter und zahlreicher Bürger, die Gartentore zu öffnen, stießen bei Herrn Sturgis jedoch auf taube Ohren.
So schritt denn an jenem Adventssonntag 1623 nach dem Gottesdienst der Chor, der das neue Lied „Macht hoch die Tür“ anstimmen sollte, zu Sturgis' Haus, und es schlossen sich auf Vorschlag von Pfarrer Weissel zahlreiche arme und gebrechliche Leute aus dem Heim den Sängern an. Mit ihnen selbstverständlich auch der Dichter selbst. Nachdem der Chor vor dem Gartentor des Geschäftsmannes Aufstellung genommen hatte und derselbe auch herausgekommen war, hielt Weissel eine kurze Predigt. Mit großem Ernst sprach er von der hochmütigen Verblendung, mit der viele Menschen dem König aller Könige, der ja auch das Kind in der Krippe sei, die Tore ihres Herzens versperrten, so dass er bei ihnen nicht einziehen könne. Mit erhobener Stimme fuhr er fort: "Und heute, lieber Herr Sturgis, steht Er vor eurem verriegelten Tor. Ich rate euch, ich flehe euch an bei eurer Seele Seligkeit, öffnet Ihm nicht nur dieses sichtbare Tor, sondern auch das Tor eures Herzens und lasst Ihn demütig mit Freuden ein, ehe es zu spät ist." Er hatte das letzte Wort noch nicht ausgesprochen, als der Chor zu singen begann: "Macht hoch die Tür, die Tor macht weit! Es kommt der Herr der Herrlichkeit, ein König aller Königreich, ein Heiland aller Welt zugleich, der Heil und Leben mit sich bringt ..." Sturgis stand wie angewurzelt. Kurz vor Beendigung des Liedes aber - die Sänger sahen es mit Erstaunen - griff er in seine Tasche und brachte einen Schlüssel zum Vorschein, mit dem er die Gartentore aufschloss. Und von diesem Zeitpunkt an wurden sie nie mehr verschlossen. Die Heimbewohner hatten ihren kurzen Weg zur Kirche wieder, der noch lange Zeit "Adventsweg" genannt wurde.
Leider sind die Spuren dieses Liedes am Entstehungsort 1945 grausam ausgelöscht worden. Erst die Luftangriffe englischer Bomber, dann die lange Weigerung der deutschen Führung zur Kapitulation in einem aussichtslosen Kampf und zuletzt die Straßenkämpfe sowjetischer Truppen und ihre anschließenden Racheakte haben dazu geführt, dass der Stadtteil Altroßgarten wie 90 % des gesamten Königsberger Stadtgebietes bis zur Unkenntlichkeit zerstört worden sind. Von der Kirche ist heute kein Stein mehr zu finden, das Altenheim nicht mehr, das Grab des Dichterpfarrers nicht. Und kaum einer der heutigen Bewohner der Stadt Kaliningrad kennt diesen Teil ihrer Musikgeschichte.
Eine schöne Geschichte! Damals ging es um einen Weg, den arme und gebrechliche Leute zur Kirche und in die Stadt gehen konnten. Heute geht es um einen Weg, auf dem die Armen und Schwachen der Gesellschaft nicht abgehängt werden. Und auch heute will und kann diese Geschichte wieder geschehen! Die Parallelen drängen sich ja auf: Hilfesuchende Menschen kommen über unsere Grenzen, begehren Eintritt in unser Land und in unsere Häuser. „Macht hoch die Tür, die Tor’ macht weit!“ Wer das singt, kann die Augen nicht verschließen vor denen, die hierher gekommen sind – es würde nicht zusammenpassen. Keiner von uns bekommt eine Zwangseinquartierung in seinem Haus. Aber Sporthallen und andere öffentliche Gebäude werden zeitweilig ihrem Zweck entzogen, und das ist für die Betroffenen unter uns durchaus ein Opfer. Mancher wird auch in der Nachbarschaft Konflikte zu spüren bekommen, da hilft kein Augenwischen. Politiker sind in echten Zwangslagen, vor allem diejenigen an der Basis, die das ganze stemmen müssen. Aber die Parallelen weichen auch voneinander ab. Es ist etwas anderes, ob ein Tor freiwillig geöffnet wird durch einen rührenden Gesang, oder ob sich Menschen selbst Eintritt verschaffen. Und es ist etwas anderes, ob eine konkrete, für mich überschaubare Notlage mein Herz öffnet, oder ob eine mich überfordernde, vielleicht für mich auch unglaubwürdige Not mein Herz verschließt. Das ist die schwere Lage, die unser Land zu zerreißen droht.
Aber wir können ihr nicht begegnen mit theoretischen Überlegungen, die wir vor Jahr und Tag hätten in Ruhe anstellen können. Jetzt sind wir einfach gefordert. Und da gilt, auch für die Flüchtlinge, die über kurz oder lang nach Markkleeberg kommen werden: mit Menschen menschlich umzugehen, Lösungen zu suchen, Kindern, Alten, Frauen und auch unseren christlichen Glaubensgeschwistern zuerst zu helfen, unsere Türen zu öffnen, diese Menschen einzuladen und mit ihnen in Kontakt zu treten. „Macht hoch die Tür, die Tor’ macht weit!“ ist keine naive Einladung an alle Welt, das Heil in Deutschland zu suchen, aber es ist eine Aufforderung an uns selbst, mit den Problemen vor unserer Tür aufgeschlossen und hilfsbereit umzugehen.

Amen

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Pfarrer Dr. Arndt Haubold
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