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Predigt am Neujahrstag über Hbr. 13, 14, im ökumenischen Gottesdienst „Wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir!“
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Predigt am Neujahrstag über Hbr. 13, 14, im ökumenischen Gottesdienst „Wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir!“

Predigt vom 01.01.13 (Pfarrer Dr. Arndt Haubold) Ort: Martin-Luther-Kirche

Liebe Gemeinde!

Zum Auftakt des neuen Jahres ist diese Losung auf den ersten Blick nicht gerade ein mutmachendes Wort, sondern eher eine warnende Devise: Was du auch beginnst, was du dir auch vornimmst in diesem Jahr – es wird nicht von Bestand sein.

In der Tat: Die Städte und die Reiche dieser Welt vergehen, auch wenn sie unser Menschenleben überdauern können. Die Ruinen von Jericho oder Babylon zeigen das ebenso wie das zerbombte Dresden oder die Zerstörung der Zwillingstürme von New York. Das alte römische Reich ist ebenso vergangen wie das Reich der Inka, das Reich Tschingis-Khans oder das alte deutsche Reich. Noch unbeständiger ist unser Leben, obwohl wir es für so kostbar halten: unsere biblischen siebzig oder achtzig Jahre und unser kleines Lebenswerk. Das Haus, das wir gebaut oder erworben haben, der Garten, dem unsere Liebe und Pflege gelten, unsere Puppenwagen- oder Briefmarkensammlung, unsere Möbel und der Familienschmuck, unsere Bücher, Noten und Instrumente, unsere Fotoalben, Diaarchive und Videoaufzeichnungen, unsere Ahnenforschung, unser politisches Engagement, unser berufliches Schaffen und letztlich auch unsere Grabstätte. Alles ist so unbeständig wie unsere Jugend, unsere Schönheit und unsere Gesundheit, wie Glück und Reichtum. Wir haben hier keine bleibende Stadt.

Dessen sind wir uns bewusst, und doch leben wir so, als lebten wir hier ewig. Ich gestehe, dass ich auch ein Liebhaber irdischer Städte bin. So oft ich kann, freue ich mich an alten Fachwerkstädten und Residenzen und an den Metropolen der Kultur. Ich genieße Paris und Görlitz, doch auch Leipzig und Markkleeberg sind lebens- und liebenswert. Wir möchten die Vergänglichkeit dieser irdischen Städte am liebsten vergessen. Wir bauen unser Leben immer mehr aus, wir verfeinern und vervollständigen alles, und es fällt den meisten schwer, rechtzeitig loszulassen von den Dingen dieser Welt. Mancher ordnet sein Haus, sortiert bei Lebzeiten sein Habchen, aber es fällt nicht leicht, sich von liebgewordenen Dingen zu trennen, und wer ins Pflegeheim umziehen muss, erlebt den Abschied von seiner gewohnten Lebensumgebung als schmerzlichen Verlust.

Diese unsere Vergänglichkeit drücken die Bibel und viele Dichter mit verschiedenen Bildern aus: Wir sind wie das Gras, das am Morgen sprosst und des Abends welkt und verdorrt. Wir vergehn wie Rauch von starken Winden. Wir sind wie Garben, die zur Ernte eingebracht werden. Wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir. Wäre es angesichts unserer Vergänglichkeit nicht richtiger, wir würden erst gar keine dauerhafte Station auf Erden aufschlagen? Würden nur im leichten Zelt wohnen, statt in einem festen Eigenheim, würden nichts ansammeln und ansparen? Wozu der ganze Aufwand unseres kurzen Lebens, wozu die Kinder mit unserem Plunder belasten? Sollten wir nicht zwischen Geburt und Tod einfach schnell genießen, Essen und Trinken und Schlafen und uns Fortpflanzen und die Sonnen und das Meer genießen und mehr nicht? Das wäre tatsächlich ein Leben in großer Freiheit – aber es wäre auch das sorglose Leben eines Tieres und kein Menschenleben.

Menschliche Kultur besteht gerade darin, Dauerhaftes, Wertbeständiges zu schaffen und zu bewahren. Das gesamte Kulturerbe der Menschheit ist eine Protestation gegen die Vergänglichkeit. Bachs Weihnachtsoratorium und das Grüne Gewölbe in Dresden, ja jede Kirche und jedes Mausoleum sind ein Aufbegehren gegen unsere Vergänglichkeit. Ist Denkmalpflege damit ein Akt des Unglaubens, ein vergebliches Ankämpfen gegen unsere Sterblichkeit? Nein. Zu leben, als lebten wir hier ewig, ist der einzige Anreiz, dass wir Menschen uns überhaupt zu großen Leistungen aufschwingen. Kein Arzt würde sich um Kranke mühen, wenn er nach der Devise „wir haben hier keine bleibende Stadt“ das Leben nur vom Ende her betrachtete. Wir würden dahinvegetieren, statt die Erde zu bebauen und zu bewahren, wie es uns Gott aufgetragen hat, wenn wir alles nur unter dem Gesichtswinkel des zum Tode Bestimmtseins betrachteten. „Und wenn morgen die Welt unterginge, würde ich noch heute mein Apfelbäumchen pflanzen“ – das Wort hat man Luther zugeschrieben, auch wenn es nicht von ihm stammt, und es drückt eine wunderbar optimistische Lebenshaltung aus. Unser ganzes Leben ist ein Kampf gegen die Vergänglichkeit, ein Versuch, etwas aufzubauen, das uns selbst überdauert, das wir unseren Kindern und Kindeskindern übergeben oder das sogar ins kulturelle Gedächtnis der Menschheit eingehen kann. Wir möchten eine Spur unserer Tage auf Erden hinterlassen und nicht spurlos ausgelöscht werden mit unserem Tod. In extremer Weise geschieht das dort, wo noch nach Jahrzehnten die Gebeine Gefallener auf Schlachtfeldern geborgen und in Gräber beigesetzt werden oder wo die Namen ermordeter Juden auf Stolpersteinen ins Straßenpflaster verlegt werden und wo Totenbücher angelegt werden an den Gedenkstätten ehemaliger Todeslager wie in Bautzen.

Aber suchen wir wirklich die zukünftige Stadt? Sind wir nicht im Diesseits gefangen? Haben wir vom himmlischen Jerusalem überhaupt irgendeine Vorstellung? Sehnen wir uns aus diesem Leben hinaus in das andere Leben? Möchten wir das schöne Bekannte eintauschen gegen das noch schönere Unbekannte? Hieße nicht, die zukünftige Stadt zu suchen, alles daranzusetzen, sie zu finden? Müsste sie nicht unentwegt unser Denken und Sehnen bestimmen? Und wie müssten wir dann leben? Müssten wir nicht Sonntag für Sonntag von der zukünftigen Stadt predigen statt von der Bewahrung der Schöpfung oder von der tätigen Nächstenliebe? Müssten wir nicht Abend für Abend zusammensitzen und uns miteinander beraten über den besten Weg zur zukünftigen Stadt?

Die Jahreslosung spielt nicht unsere irdischen Städte gegen die zukünftige Stadt aus, sondern setzt sie zueinander in Beziehung. Wir sollen nicht in Weltverachtung leben und auch nicht unsere irdischen Hütten verfallen lassen oder gar unsere Städte zerstören, als müssten wir dem Gericht Gottes auf die Sprünge helfen. Hier gilt wirklich der Schöpfungsauftrag „bebauen und bewahren“. Jeder soll sein bestes geben, dass die Städte dieser Erde schön bleiben und werden. Aber zugleich sollen wir uns der Vorläufigkeit und Vergänglichkeit dieser Erdenstadt immer bewusst bleiben, dass wir sie nicht für das Einzige und Letzte und Höchste halten. Ich muss oft an die Menschen denken, die in schweren Zeiten aus ihrer Heimat, aus ihren Häusern vertrieben worden sind – die Juden zuerst, dann Polen und Tschechen und zuletzt Deutsche – Millionen Menschen. Sie lebten und sie leben noch unter uns. Sie mussten über Nacht alles, was sie ererbt und erarbeitet und lieb gewonnen hatten, verlassen und ins Ungewisse ziehen. Da hat manchen vielleicht das Wort getröstet und aufgerichtet: „Wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir.“

Auch wir wissen nicht, was uns noch bevorsteht in den nächsten Jahren und Jahrzehnten. Deshalb ist es gut, so zu leben, dass wir unser Herz nicht allein an unsere irdische Stadt hängen, sondern Raum lassen für Gottes Verheißung der zukünftigen Stadt. Sie wird nicht aus Stein oder Fachwerk oder Spannbeton gebaut sein, sondern aus anderem Stoff. Sie wird keine Koordinaten haben auf dem Globus, sondern am Herzen Gottes gelegen sein. Die zukünftige Stadt Gottes ist uns noch verborgen wie alle Zukunft. Wir können Schneisen unserer Vorstellung in die irdische Zukunft schlagen, können allenfalls 20 oder 100 Jahre vorausdenken, können als Architekten Häuser oder Städte der Zukunft entwerfen, energiesparend und gesund – es wird immer eine nahe Zukunft sein, nicht die Zukunft Gottes. Wir können auch unsere irdischen Städte so bauen und gestalten, dass sie der zukünftigen Stadt Gottes nicht im Wege stehen, sondern ihr Türen öffnen. Das haben unsere Vorfahren getan, als sie in jedes Dorf, in jede Stadt ein Gotteshaus bauten und zum schönsten Haus des Ortes machten. Es sollte und soll die Menschen die Sehnsucht nach der zukünftigen Stadt lehren und an ihre Vorläufigkeit erinnern und sie versammeln zur Besinnung auf das Kommende und Brücken schlagen aus dieser Zeit zur Ewigkeit. Anders die furchterregend gewaltigen Paläste, die Hitler, Stalin, Ceausescu und Mussolini bauen ließen – diese sollten zeugen von der Ewigkeit ihrer Herrschaft und waren die Gegenbilder der Kirchen. Ihre Macht ist schon am Ende. Die Kirchen stehen noch und verkünden, dass wir hier keine bleibende Stadt haben, sondern die zukünftige suchen.

Amen.

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Pfarrer Dr. Arndt Haubold
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