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Predigt am 11. So. n. Tr., 7. August 2016, anlässlich des 40. Jahrestages der Selbstverbrennung des Pfarrers Oskar Brüsewitz
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Predigt am 11. So. n. Tr., 7. August 2016, anlässlich des 40. Jahrestages der Selbstverbrennung des Pfarrers Oskar Brüsewitz

Predigt vom 07.08.16 (Pfarrer Dr. Arndt Haubold) Ort: Martin-Luther-Kirche

Liebe Gemeinde,

ist es erlaubt oder sogar geboten, sein Leben für seinen Glauben zu opfern? Oder für das Vaterland? Der Islamische Staat wird das bejahen, und er fordert nicht nur die Opferbereitschaft des Gläubigen, sondern die Opfer zahlreicher Unschuldiger, die er als Ungläubige bezeichnet. Auch der Staat oder früher der Führer oder der Kaiser fordern im Ernstfall das Opfer des Lebens von ihren Soldaten. Millionen Menschen sind in Kriegen geopfert worden – aus heutigem Abstand fragen wir: Wofür?

Doch auch die Kirche kennt das Opfer des Lebens. Abraham brachte seinen Sohn Isaak Gott zum Opfer, das nur in letzter Minute von Gott abgewendet wurde. Der Tod Jesu am Kreuz auf Golgotha wird als Opfer gedeutet, das Gott selbst gewollt hat. Paulus schreibt im Brief an die Römer: „Und wenn ich meinen Leib brennen ließe…“ – er muss also solche Vorkommnisse in der frühen Christenheit gekannt haben. Wie viele Christen sind als Märtyrer Opfer ihres Glaubens geworden – von der Heiligen Katharina über den Reformator Jan Hus, der wie viele andere auf dem Scheiterhaufen starb, bis hin zu Hermann Reinmuth aus Markkleeberg, einem Juristen, der sich aus seinem christlichen Glauben heraus gegen die Nazis zur Wehr gesetzt hatte und nach seinem Tod im KZ Sachsenhausen auf unserem Friedhof ruht. Opfer des Glaubens sind sie – allerdings haben sie es nicht selbst gesucht, sondern es ist ihnen auferlegt worden.

Vor knapp 40 Jahren, am 18. August 1976, verbrannte sich der Pfarrer von Rippicha bei Zeitz, 30 Kilometer von uns entfernt, Oskar Brüsewitz, vor den Augen der Passanten vor der Michaeliskirche in Zeitz und erlag vier Tage später seinen Verbrennungen. Ein Vorfall, der die DDR und besonders auch die Christen schwer erschütterte. Durfte, ja sollte er das tun? In der Kirchenzeitung „Der Sonntag“ ist darüber an diesem Wochenende ein sehr lesenswerter Artikel veröffentlicht. Der unbequeme und originelle Pfarrer litt unter der politischen Bedrückung der Christen in der DDR und fand sich damit nicht ab. Mit seiner Selbstverbrennung wollte er ein Zeichen des Widerstands setzen und die Menschen aufrütteln. Ohne Zweifel gehört die Tat in die Geschichte der Opposition in der DDR. Das Ereignis war für den Staat und für die Kirche aber gleichermaßen schwierig. Die DDR stellte es als die Tat eines Verrückten dar und versuchte, die darin enthaltene politische Anklage zu vertuschen. Die Kirche wurde von der Stasi massiv unter Druck gesetzt und war in der Klemme, sich einerseits mit ihrem Pfarrer zu solidarisieren, weil seine Anklage auch ihre Anklage war, andererseits sich zu distanzieren von einer Aktion, die so gar nicht christlich erschien und für die meisten nicht nachvollziehbar war. Es gab immer einige verrückte Pfarrer, die es den Kollegen und Vorgesetzten schwer machten, aber in ihrer Originalität auch beliebt waren. War nicht Jesus selbst ein Mensch gewesen, der auch verrückte Züge an sich hatte? Aber hat Brüsewitz damit nicht doch eine Grenze überschritten? Tritt er mit seiner Tat nicht in gefährliche Nähe radikaler Sektierer wie die Zeugen Jehovas oder eben sogar die fanatischen Kämpfer des Islamischen Staates?

Das Mittel einer Selbstverbrennung als Signal war nicht neu. Am 8. September 1968 verbrannte sich in einem Warschauer Stadion auf der Tribüne der polnische Philosoph Ryszard Siwiec aus Protest gegen die Niederschlagung des Prager Frühlings in der Tschechoslowakei. Bekannter wurde die Tat des tschechischen Studenten Jan Palach am 16. Januar 1969, der sich auf dem Prager Wenzelsplatz verbrannte, um ebenfalls gegen den Einmarsch der Sowjetarmee zu protestieren. Brüsewitz’ Tat glich diesen beiden Vorfällen in Einzelheiten ziemlich genau.

Was geht es uns heute in Markkleeberg an? Zum einen war Oskar Brüsewitz eine Zeitlang unser Gemeindeglied. Ehe er spät berufen Pastor wurde, arbeitete er als Schuster und hatte eine kleine Werkstatt in der Städtelner Straße, wo eine Gedenktafel daran erinnert. Er besuchte auch unsere Gemeindeveranstaltungen – und er fertigte den Kindern unseres Kindergartens kostenlos Schuhe! Auf dem Dachboden haben wir gerade in dieser Woche – wie eine Fügung des Himmels – ein altes Schusterwerkzeug gefunden, das vermutlich aus dem Nachlass von Oskar Brüsewitz stammt. Weiterhin hat die Künstlerin Elly-Viola Nahmmacher, die den Kreuzweg für die Großstädtelner Kirche geschaffen hat, zum Ärger für die Stasi ein Grabmal für Brüsewitz geschaffen. Wir sind also ziemlich nah dran.

Wie beurteilen wir seine Tat aber aus dem Abstand von heute? Sie ist selbstverständlich ein Akt der Gewalt, auch wenn sich diese scheinbar nur gegen ihn selbst richtet. Sie passt nicht zum fünften Gebot –„Du sollst nicht töten!“ – und nicht zur Bergpredigt Jesu – „Selig sind die Sanftmütigen!“. Wie jeder Selbstmord trifft sie auch die anderen, vor allem die Angehörigen schwer. Andererseits ist es im Unterschied zu heutigen Selbstmordattentaten keine Tat, die andere Unschuldige direkt mit in den Tod reißt. Brüsewitz war ein ostpreußisches Flüchtlingskind. Wer weiß, was er dort schon erlebt hat? Im Krieg wird das Opfer des Lebens ja verherrlicht – im Frieden nicht. Es war die Zeit des kalten Krieges. Heute fällt vielen Kindern der Freiheit die Vorstellung schwer, in welche innere Drangsal Menschen in der Diktatur geraten können und was in Oskar Brüsewitz vorgegangen sein mag.

Brüsewitz hat Zeichen gesetzt – nicht nur mit seinem Tod. Mit dem weithin leuchtenden Neonkreuz auf seiner Kirche, mit originellen Spruchtransparenten im Pfarrgarten – alles Antworten auf die kommunistische Politpropaganda der DDR – auf diese und auf andere Weise hat er immer wieder originell Menschen zum Glauben bringen wollen. Das ist seine gute Seite. Er hätte noch viel davon tun können mit der Gabe der Originalität, die Gott ihm geschenkt hatte. Es gibt die alte Rolle eines Narren, eines braven Soldaten Schweyk, die Brüsewitz, ohne sich zu töten, wirksam hätte spielen können.

Wir müssen aber auch bekennen, dass wir zu wenig Widerstand geleistet haben in den Zeiten der Diktaturen, und dass sie deshalb zu lange gedauert haben. Auch heute würden wohl nur wenige Widerstand leisten, wenn wieder eine Diktatur käme, und wir wissen noch nicht, wie es in Deutschland in 10 Jahren aussieht. Deshalb steht es uns nicht zu, Brüsewitz zu verachten oder zu verdammen, wenn wir es auch nicht verstehen und seine Tat nicht gutheißen mögen. Man kann Böses nicht mit Bösem ausrotten. Wenn uns einer auf die rechte Wange schlägt, sollen wir nach Jesu Wort ihm auch die andere Wange hinhalten.

Es kann aber tatsächlich Situationen geben, in denen Menschen ihr Leben für andere opfern und auch wir gefordert sein können. In dieser Woche ist ein Feuerwehrmann auf Mallorca bei Löscharbeiten ums Leben gekommen. Andere haben ihr Leben bei Lebensrettungsversuchen verloren. Oder denken wir an den Priester in Nordfrankreich, der vor zwei Wochen in seiner Kirche ermordet wurde – er wurde ein Opfer seines Dienstes an Gott, auch wenn er es nicht freiwillig gebracht hat. Alle Menschen, die unfreiwillig bei Unfällen, Verbrechen und Anschlägen ums Leben gekommen sind, sind Opfer. Aber sie sind keine freiwilligen, sondern unfreiwillige Opfer. Das kann uns allen widerfahren. Wenn von uns in einem extremen Fall aber ein bewusstes Opfer gefordert wird, ein Einsatz unseres Lebens, sollen wir bereit dazu sein. Aber wir sollen den Tod nicht suchen, sondern das Leben, das Gott gefällt.

Zuletzt aber haben wir den Begriff des Opfers schon übertragen und sprechen von Opferbereitschaft im bildhaften Sinn: vom Dankopfer, das wir im Gottesdienst sammeln, vom Zeitopfer, das wir für die Gemeinde bringen, und auch unsere Gebete sind nach theologischem Verständnis Opfer. Wir haben also die ursprünglich blutigen Opfer schon lange ihrer Gewalt entkleidet und sie vergeistigt. Auch deshalb sind echte Lebensopfer heute für uns nicht mehr das Gebot des Glaubens, und wir sollen sie nicht suchen, sondern höchsten bereit sein im schwersten Fall. Im Normalfall gilt: Opfere Gott Dank und nicht Leben!

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Pfarrer Dr. Arndt Haubold
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