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Predigt zum ökumenischen Gottesdienst am Pfingstmontag
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Predigt zum ökumenischen Gottesdienst am Pfingstmontag

Predigt vom 16.05.16 (Pfarrer Dr. Arndt Haubold) Ort: Martin-Luther-Kirche

Liebe Gemeinde,

passend zum Pfingstfest titelte eine große Wochenzeitung vor wenigen Tagen: „Brauchen wir noch zwei Kirchen?“ Eine wagemutige Fragestellung! In einem Interview erklärte der bekannte evangelische Theologe Friedrich Schorlemmer dazu rundheraus seine große Sympathie für Papst Franziskus – ja, er könne ihn als sein Oberhaupt anerkennen, hätte allerdings Probleme, ihn als „Eure Heiligkeit“ anzusprechen. Die EKD-Führung hingegen wurde in einem anderen Beitrag dafür gerügt, dass sie sich noch immer zieren würde, den Papst nächstes Jahr nach Wittenberg einzuladen, obwohl das ein großartiges ökumenisches Zeichen wäre.

Manchmal können verrückte Ideen ja gar nicht verrückt genug sein, um etwas zu bewegen. „Brauchen wir noch zwei Kirchen?“ Ich habe mir überlegt, welche Folgen es in Deutschland und dann auch speziell in Markkleeberg hätte, wenn wir uns ernsthaft dieser Frage stellen würden. Wir würden die Hälfte der Bischöfe einsparen, die bis an ihr Lebensende gern noch den Titel „Ehrenbischof“ tragen dürften. Wir würden in Bund, Ländern und Kommunen etwa die Hälfte der Kirchenverwaltung einsparen - Kirchenbehörden und Pfarrämter. In Markkleeberg gäbe es ein gemeinsames Pfarrbüro im geplanten Neubau der „neuen Mitte“. Dort würden alle Gottesdiensttermine koordiniert, die Taufen und Trauungen für alle Kirchen angemeldet, das Kirchgeld und Spenden angenommen. Ein gemeinsames Kirchenblatt für Markkleeberg würde dort redaktionell erarbeitet. Es gäbe einen gemeinsamen Gemeinderat mit Untergruppen für katholische und evangelische Belange, vier christliche Pfarrer und mehrere gemeinsam angestellte Mitarbeiter für Kirchenmusik und Kirchenpädagogik würden sich um die christliche Gemeinde Markkleeberg kümmern. Die Kindergärten Abraham, Martin Luther, Morgenland und Arche Noah würden eng kooperieren.

Statt die Gemeinden immer mehr räumlich auszudehnen und Fahrtkosten und –zeiten zu erhöhen, würde die Kirche sich wieder auf das Stadtgebiet konzentrieren.

Das klingt momentan spinnerisch. Aber wir hatten bis vor etwa 50 Jahren jahrhundertelang auch unter Protestanten streng getrennte Konfessionen in Lutheraner und Kalvinisten, die sich nicht weniger feindselig gegenüber standen als noch vor hundert Jahren Evangelische und Katholiken. Diese getrennten protestantischen Konfessionen sind in den letzten hundert Jahren schrittweise zusammengeführt worden sind. In Tschechien 1918, in den Niederlanden 2009 und in Frankreich 2013 wurden vereinigte protestantische Kirchen geschaffen. In weiten Teilen des protestantischen Europas gilt die „Leuenberger Konkordie“, die seit 1973 Kanzel- und Abendmahlsgemeinschaft hergestellt hat. Warum sollte es nicht in 50 Jahren eine vereinigte christliche Kirche in Deutschland geben?

Sicher hätten viele Evangelische noch Schwierigkeiten mit der Marienverehrung, müssten das persönliche Beichten erst lernen, würden sich schwer tun, ihrer sonntäglichen Gottesdienstpflicht nachzukommen, müssten über die Heiligen einiges lernen. An Weihrauch, an weiße Talare der Pfarrer, an das Sich-Bekreuzigen und manches andere haben wir uns in den letzten Jahren schon gewöhnt. Ebenso hätten viele Katholiken noch Schwierigkeiten, die Eucharistie von einer Pfarrerin gereicht zu bekommen, ihren Pfarrer mit einer Pfarrfrau und offiziellen Pfarrerskindern zu erleben, sofern er nicht freiwillig im Zölibat leben möchte, die etwas altertümliche Sprache Luthers im Gottesdienst schön zu finden und auf manche Traditionen zu verzichten. An evangelische Choräle und Predigten sind sie auch schon gewöhnt.

Dabei müsste die gemeinsame Kirche gar nicht an geistlichen Schätzen verarmen. Wir könnten für eine lange Übergangszeit alles beibehalten, was der Gemeinde unverzichtbar ist, und müssten nur zusammenlegen, was gut gemeinsam vorstellbar ist. Mit der Zeit würde sich manches neu entwickeln und anderes verlieren. Getrennte Seniorenkreise und Jugendgruppen wären vielleicht nicht nötig. Auch getrennter Religionsunterricht in der Schule müsste nicht mehr sein. Aber einen Wortgottesdienst um 9.00 Uhr und eine Eucharistiefeier um 10.30 Uhr im Wechsel, auch zwischen den Markkleeberger Kirchen, könnte man für die unterschiedlichen geistlichen Bedürfnisse beibehalten. Wir könnten in der einen Kirche mehr Martin Luthers Erbe betonen, das ja auch Katholiken heute in manchen Punkten anerkennen können, und in der anderen Kirche mehr die Heiligen Petrus und Paulus oder Katharina in den Mittelpunkt stellen, die ja auch die Evangelischen wertschätzen. Ein „Christentag“ könnte für Katholiken und Protestanten aller drei Jahre gemeinsam stattfinden, so wie ohnehin viele Christen beider Kirchen Kirchentag und Katholikentag gegenseitig besuchen. Caritas und Diakonie könnten bei ihrer Vereinigung gewaltige Einsparungen freisetzen und damit ihre Arbeit noch wirksamer zugunsten der Schwachen im Land gestalten.

Wir haben schon eine gemeinsame Bibel, gemeinsame Feiertage, gemeinsame Gottesdienste, wir singen katholische Messen in protestantischen Kirchen und evangelische Oratorien in katholischen Kirchen – wir haben in den letzten Jahrzehnten so viel voneinander gelernt, dass es Zeit wird für weitere ökumenische Schritte. Das sagte gerade vor zwei  Stunden Kardinal Lehmann im MDR-Morgeninterview. „Brauchen wir noch zwei Kirchen?“

Der Apostel Paulus schreibt im Römerbrief: „Welche der Geist Gottes treibt, die sind Gottes Kinder!“ Er schreibt nicht: „Welche der Gemeinde in Korinth angehören oder welche dem Bischof von Smyrna gehorsam sind oder welche zur richtigen Zeit Gottesdienst feiern oder welche meine theologische Lehre teilen, die sind Gottes Kinder…“ Sondern: „Welche der Geist Gottes treibt!“ Treibt uns nicht beide der Geist Gottes, Evangelische und Katholiken? Wer wollte das dem andern absprechen? Kinder sind übrigens nicht in allen Einzelheiten  einig – aber sie treffen sich zu Familienfeiern gemeinsam und verlieren nie den Zusammenhalt und das Interesse und die Sorge für die anderen Geschwister, sofern sie innerlich einig sind.

Für so spinnert halte ich diese Ideen deshalb gar nicht. Von dem Moment an, an dem wir Ökumene gesagt haben, können wir die anderen Christen ja nicht mehr als Ketzer bezeichnen. Mit Ketzern feiert man nicht Gottesdienst. Die anderen Christen sind Teil der Kirche, selbst wenn es „kirchliche Gemeinschaft“ heißt. Der Umgang miteinander hat sich längst zum Besseren verändert. Wo aber Respekt vor anderen Ausdrucksformen des christlichen Glaubens herrscht, kann es keinen alleinigen und einzigen Wahrheitsanspruch mehr geben, und keine Gemeinsamkeit ist mehr undenkbar. Es braucht nur geduldige Gespräche, mutige Gedanken und Schritte, gegenseitige Liebe und Rücksichtnahme und zähe Verhandlungen.

500 Jahre Reformation wären der geeignete Anlass dafür! Und kein Land wäre dafür so geeignet wie Deutschland! Ein Drittel der kirchlich getrauten Paare in Deutschland ist heute schon bikonfessionell. Wir haben schon so viel Ökumene geübt, nun sollten wir auch mit anderem ernst machen. Während die Bulgarische Orthodoxe Kirche vor wenigen Wochen noch einmal ihre Ablehnung jeglichen Ökumenismus hervorgehoben und verteidigt hat und sich eine Einheit der Christen nur durch die Rückkehr aller anderen zur Orthodoxie vorstellen kann, sind wir in Mitteleuropa doch einen großen Schritt weiter. Wir bekennen: So viel Ökumene wie schon möglich wollen wir wagen – so viel getrennte Auftritte wie noch nötig, müssen wir achten.

Ökumene will nichts verwässern und vermischen – ich liebe vieles am Lutherischen und auch manches am Römischen und finde das Spezielle manchmal interessanter als das Einheitliche. Aber die unterschiedlichen geistlichen Ausdrucksformen, die uns gefallen und die wir lieben, gehen heute nicht mehr an den vorhandenen Konfessionsgrenzen entlang, sondern mitten durch sie hindurch. Es gibt Traditionalisten und Modernisten unter Katholiken wie Lutheranern! Und wir können gern typische katholische oder evangelische Gebräuche beibehalten – sofern sie allen offen stehen und jeder Christ daran teilnehmen kann. Wir können Vielfalt im Gemeindeleben gewährleisten – aber Einheit der Kirche. Wir würden nicht nur sehr viel an Arbeitsaufwand und Geld sparen – das sollte übrigens nie der Hauptgrund sein – sondern wir würden vor der säkularisierten Gesellschaft in Deutschland und angesichts bisher fremder Religionen und ihrem missionarischen Drang ein viel stärkeres christliches Zeugnis geben!

Das verlangt von beiden Seiten aber einige Anstrengungen. Jede Seite muss sich stärker mit den Besonderheiten der anderen Seite beschäftigen. Die evangelischen Konfirmanden und die katholischen Firmlinge müssen einen Grundkurs Ökumene in ihren Kursplan aufnehmen, um verstehen und erklären zu können, was der andere glaubt und für wichtig hält. Über trennende Fragen müssen regelmäßig Dialoge in den Gemeinden angeboten werden – nicht nur ökumenische Gottesdienste, bei denen wir das Gemeinsame betonen. Und unsere protestantischen freikirchlichen Geschwister müssen ebenfalls an die Ökumene herangeführt werden, von der sie bisher meist wenig halten. Auch die Orthodoxen müssen wir so gut es geht, einbeziehen, weil sie in Mitteleuropa ein wachsender Faktor geworden sind. Ich weiß, die Verhandlungen darüber werden zäh werden, die Schwierigkeiten stecken in unendlichen Details, und mancher wird die Lust dabei verlieren. Aber wir brauchen ein gemeinsames ökumenisches Verlangen – es muss bei allem, was wir tun, die Sehnsucht nach Gemeinsamkeit erkennbar sein, nicht dass wir eine Pflichtveranstaltung erledigen. In meinem Herzen jedenfalls ist diese Sehnsucht da – und ich wünschte, bei euch allen!

„Brauchen wir noch zwei Kirchen?“ Ja, wir brauchen sie noch, um den Weg zur Einheit vorzubereiten. Nein, wir brauchen sie nicht mehr, um der Welt ein deutliches christliches Zeugnis zu geben!

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Pfarrer Dr. Arndt Haubold
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