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Predigt über
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Predigt über "Reformation und Toleranz" zum „Gottesdienst über Grenzen“ in gemeinsamer Vorbereitung mit der Partnergemeinde Dordrecht-Sterrenburg (NL)

Predigt vom 20.01.13 (Pfarrer Dr. Arndt Haubold) Ort: Martin-Luther-Kirche

Liebe Gemeinde!

„Reformation und Toleranz“ ist das diesjährige Thema der Lutherdekade. Erstaunlich, denn Toleranz ist kein biblischer Zentralbegriff, keine spezielle Eigenschaft Gottes, kein Ruhmesblatt der Reformation und auch nicht gerade eine Tugend der Gläubigen!

In der Bibel finden wir zahlreiche Beispiele von heftigster Intoleranz Gottes und seines Volks, vor allem im Alten Testament: gegen die Gläubigen anderer Religionen, gegen die Feinde Israels, gegen Mischehen mit Glaubensfremden, gegen Homosexuelle, Zauberer, Schweinefleischesser und andere – die Lesung, die wir zuerst gehört haben, war erschreckend anschaulich. Da wird zur Zerstörung fremder Altäre aufgerufen – man fühlt sich nach Mali versetzt, wo Islamisten in Timbuktu Weltkulturerbe zerstören. Gott sagt von sich selbst „Ich bin ein eifernder Gott“, nicht „Ich bin ein toleranter Gott“.

Und auch im Neuen Testament lesen wir scharfe Töne: Jesus peitscht die Händler aus dem Tempel hinaus und ruft zur Trennung von Ungläubigen sogar im Familienkreis auf. Und er sagt von sich selbst: „Ich bin der Weg, die Wahrheit uns das Leben. Niemand kommt zum Vater denn durch mich.“ Paulus erneuert härteste alttestamentliche Urteile gegen Homosexuelle. Das sind Bibelstellen, die uns heutigen Lesern immer wieder Kopfzerbrechen und Gewissensnöte bereiten. Wir haben darüber schon in vielen Gemeindeveranstaltungen gesprochen und das zu deuten versucht – oft muss man es tatsächlich anders verstehen – aber im allgemeinen Bewusstsein lässt sich das nicht so einfach wegwischen: Toleranz und Glaube scheinen kein gutes biblisches Paar zu sein.

Auch Martin Luther und andere Reformatoren eiferten in schärfsten Tönen gegen den Papst und die Papisten, gegen Türken, Juden und Wiedertäufer und sogar gegen die Glaubensverwandten der anderen evangelischen Richtung. Unsere Freunde in Dordrecht – reformierte Christen – wären damals für Lutheraner nicht viel besser als Katholiken gewesen – und umgekehrt. Auch die Katholiken standen dem nicht nach. Von gegenseitigen Exkommunikationen bis hin zu Glaubenskriegen, zuletzt dem 30jährigen Krieg, finden wir viele Beispiele von Intoleranz im Zuge der Reformation und der Gegenreformation.

Und ein treuer Christ versteht sich vielleicht noch heute als eifriger Kämpfer für seine Sache, der dem Unglauben, dem Aberglauben und dem falschen Glauben die Stirn bieten möchte. Toleranz wird aus dieser gläubigen Sicht eher als Weichlichkeit oder Lauheit, als Verwässerung der Wahrheit gesehen.

Die Toleranz scheint eher eine Frucht der Aufklärung zu sein, also einer religionskritischen Bewegung, die wir mit Namen wie Lessing oder Friedrich der Große verbinden. Nicht unchristlich, aber doch eher ganz vom Rand der Kirche herkommend. Mit welchem Recht können wir uns in diesem Jahr mit dem Wort Toleranz als Gläubige rühmen?

Und ist Toleranz überhaupt von Gott gewollt? Sollen wir nicht seine eifrigen Missionare sein, Zeugen des christlichen Glaubens, Nachfolger Jesu? Kann man überhaupt einen festen Glauben haben und zugleich tolerant sein? Widerspricht sich das nicht?

Schauen wir uns noch in der Gegenwart um: Wie steht es in Deutschland und auch in unseren Gemeinden um die Toleranz gegenüber Ausländern oder Asylsuchenden, gegenüber Homosexuellen oder Behinderten, gegenüber Kindern oder Alten, gegenüber Parteimitgliedern, die nicht die eigene Richtung vertreten, gegenüber anderen Christen in der Landeskirche, gegenüber Fußballanhängern gegnerischer Mannschaften, gegenüber Deutschen aus anderen Landesteilen? Leben wir wirklich in einer Gesellschaft der Toleranz?

Man muss ehrlich zugeben: Trotz vieler einzelner Verstöße leben wir in einem Land der Toleranz. Es ist in Deutschland erlaubt, fast jeden Glauben auszuüben. Noch nie hatten wir so viel Glaubensfreiheit wie heute. Auch Muslime dürfen Moscheen bauen – ganz anders als Christen in vielen islamischen Ländern, die dort keine Kirchen bauen dürfen. Die Hälfte der Kinder in Ostdeutschland sind außereheliche Kinder – und niemand verachtet sie oder ihre Mütter deshalb. Die Toleranzgrenze ist sehr hoch – bei der Geschwindigkeitsbegrenzung auf der Autobahn ebenso wie bei der Freizügigkeit am Badestrand und bei der Akzeptanz von Meinungen.

So viel Toleranz war noch nie, so dass man manchmal schon fragen muss, ob es noch gut ist. Gehen nicht auch Werte verloren, wenn alles erlaubt und gleichgültig ist? Sagt man nicht, wer „offen für alle und für alles ist“, der sei nicht ganz dicht? Muss es nicht auch Grenzen der Toleranz geben, die die Gesellschaft schützen? Kann es Toleranz geben für Kinderschänder, für Massenmörder, für Terroristen, für Diktatoren, für Nazis, für Linksextremisten?

Viele offene Fragen haben wir aufgeworfen. Nun brauchen wir noch eine Antwort. Welche Hilfe gibt uns Gottes Wort dabei?

Zum ersten: Die Bibel ist nicht so intolerant, wie sie oberflächlich erscheint. Auch wenn das Wort „Toleranz“ nicht auftaucht, wird „Geduld“ oft genannt, und das ist eine Form von Toleranz. Wir stoßen in der Bibel auf viele Beispiele: Gott lässt seine Sonne scheinen über Gerechte und Ungerechte. Er nimmt sogar den Mörder Kain unter seinen Schutz und den Erbschleicher Jakob. Er schützt auch die Heiden, ja er lädt sie im Neuen Testament, wie wir in der zweiten Lesung gehört haben, ausdrücklich in die Gemeinschaft der Christen ein. Er lässt den nichtchristlichen Ehepartner durch den christlichen mitgesegnet sein. Er hat immer wieder Geduld mit uns und mit unseren Schwächen. Er wollte Sodom und Gomorrha vor dem Untergang bewahren, wenn sich wenigstens zehn Gerechte darin gefunden hätten. Jesus vergibt am Kreuz seinen Mördern. Gott ist nach dem Zeugnis der Bibel also nicht nur eifernd-intolerant, sondern ebenso duldsam-tolerant. Dann steht uns das auch gut an.

Zum zweiten: Der Begriff der Toleranz durchzieht die gesamte Geschichte unserer Kirche. Nicht nur als Geduld, sondern tatsächlich als Duldung - was Toleranz auch bedeutet. Nach drei jahrhunderten Verfolgung erhielt das Christentum im Jahr 313 endlich durch das Mailänder Toleranzedikt Kaiser Konstantins Glaubensfreiheit. Das leitete eine Wende der Weltgeschichte ein. Umso beschämender ist es, dass Christen dann immer wieder in Intoleranz gegen andere und untereinander verfallen sind. Und im Jahr 1781 kam es nochmals zu einem wichtigen Toleranzpatent des habsburgischen Kaisers Josefs II. Er erlaubte nach zwei Jahrhunderten Verfolgung den evangelischen Christen in seinem europäischen Reich endlich wieder freie Gottesdienstausübung. Die Kirchen, die daraufhin gebaut wurden, heißen „Toleranzkirchen“, und man findet sie in der ganzen ehemaligen Donaumonarchie. Toleranz ist also durchaus ein in der Kirche bekannter Wert.

Zum dritten: Grenzenlose Toleranz zerstört wie grenzenlose Freiheit die Basis des menschlichen Gemeinschaftslebens. Die Interessen meines Nächsten sind immer die Grenze meiner Freiheit. Wir brauchen Werte, die wir schützen. Wir brauchen Regeln, an die wir uns halten. Wir brauchen Grenzen, die wir respektieren. Toleranz braucht Grenzen, sonst verliert sie ihren Wert. Wo liegen Grenzen der Toleranz für uns? In der Bibel gab es teils enge Grenzen, weil sie in einer engen Stammesgesellschaft entstand. Wir haben heute unsere Toleranzgrenzen viel weiter gesteckt, wie wir die Grenzen in Europa viel weiter gesteckt haben. Wir müssen nicht zu den engen Grenzen einer Gesellschaft vor zwei- oder dreitausend Jahren zurück, aber wir müssen heute Grenzen finden. Wir müssen weder Homosexuelle noch Andersgläubige noch uneheliche Kinder verdammen. Aber wir müssen den Kräften entgegentreten, die jeglichen Glauben in falsch verstandener Freiheit der Kunst nur verspotten und verhöhnen. Wir müssen den Kräften entgegentreten, die Hass säen, statt Versöhnung zu üben – ob im Heiligen Land oder auf den Straßen in Sachsen. Wir müssen den Kräften entgegentreten, die die Würde des Menschen verletzen – ob im medizinischen Bereich oder in den Medien.

Und wir müssen nicht aus falschverstandener Toleranz jede Meinung akzeptieren und jeden Glauben für glaubenswert halten. Stattdessen sollen wir durchaus für unseren Glauben eintreten und werben, Menschen davon zu überzeugen und dafür zu gewinnen suchen. Denn das tun alle anderen Religionen auch, und zwar nicht so verschämt wie viele von uns Christen. Wenn wir wollen, dass unsere Enkel hier in Deutschland in 50 Jahren noch freie Menschen und fröhliche Christen sind und dass unsere Enkelinnen unverschleiert auf der Straße gehen dürfen, dann dürfen wir uns nicht scheuen, heute ein deutliches christliches Zeugnis in unserer Gesellschaft zu geben. Tolerant zu sein heißt dabei: ohne Hass und Gewalt, in Achtung gegenüber anderen, aber fest im eigenen Glauben.

Amen.

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Pfarrer Dr. Arndt Haubold
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