Evangelisch Lutherische Kirchgemeinde Martin-Luther-Kirchgemeinde Markkleeberg-Westzur Evangelisch Lutherische Kirchgemeinde Martin-Luther-Kirchgemeinde Markkleeberg-West
Predigt zum Reformationsfest über Gal. 5, 1,
Evangelisch Lutherische Großstädteln-Großdeubenzur Evangelisch Lutherische Großstädteln-Großdeuben

Predigt zum Reformationsfest über Gal. 5,1 "Zur Freiheit hat uns Christus befreit"

Predigt vom 31.10.12 (Pfarrer Dr. Arndt Haubold) Ort: Martin-Luther-Kirche

Liebe Gemeinde!

Worin sind wir evangelischen Christen unverwechselbar und originell? Oder in der Volkssprache unserer Zeit: Welches Alleinstellungsmerkmal haben wir Evangelischen? Die Orthodoxen haben ihre Ikonenwände. Die Katholiken haben ihre Marienbilder und den Papst. Die Pfingstler haben ihr Zungenreden. Die Muslime haben ihre Gebetsteppiche. Die Juden haben ihre Thorarollen. Was aber haben wir Evangelischen Besonderes? Nichts! Oder doch?

Wir haben die Bibel! Sola scriptura. - Aber auch die anderen Christen haben doch die Bibel und lesen sie. -Wir haben die Kanzel und die Predigt! - Aber heute gibt es auch Kanzeln und Predigten in katholischen und orthodoxen Kirchen. - Wir haben die Rechtfertigungslehre! - Aber sie ist doch 1999 auch von den Katholiken anerkannt worden. - Wir haben unsern Luther! - Aber Lutherlieder sind jetzt sogar im katholischen Gesangbuch zu finden, und unsere reformierten Geschwister mögen Luther gar nicht so sehr, weil sie ihren Calvin haben. - Wir haben den Abendmahlskelch für alle! - Aber der darf auch bei Katholiken benutzt werden, sie nehmen ihn nur selten. - Wir haben den Katechismus! - Aber viele unserer eigenen evangelische Konfirmanden kennen ihn gar nicht mehr, und auch die Katholiken haben einen Katechismus. - Wir haben den schwarzen Talar! - Aber den tragen doch auch jüdische Rabbiner. - Wir haben Pfarrerinnen! - Aber die gibt es auch bei den Altkatholiken. - Wir haben die Freiheit – die "Kirche der Freiheit"! - Aber bei uns gibt es auch viele kirchliche Ordnungen, so dass unsere Kirche keine echte Freikirche ist – und darüber hinaus haben wir mit diesen "Freien" auch manche Probleme. Kirche der Freiheit heißt jedenfalls nicht Kirche der Beliebigkeit oder der persönlichen Façon.

Kurzum: Wir Evangelischen haben nichts Originelles, Einzigartiges, Unverwechselbares, kein Alleinstellungsmerkmal! Alles, worauf wir stolz sein könnten, haben die anderen Christen inzwischen auch. Wir definieren uns eher durch den Mangel an etwas Besonderem, denn wir haben vieles nicht, was die andern Christen haben: Wir haben keinen Papst und keine Patriarchen, keine Ikonen, keine Heiligen, keine Klöster, keinen Weihrauch, keinen Ablass, keine Exorzismen, keinen Zölibat, keine Reliquien, keine Wallfahrten und keine Fastenzeiten ... Wir haben nichts Besonderes. Das ist unsere Schwäche.

Ist diese Schwäche aber nicht vielleicht auch eine Stärke? Dadurch, dass wir nichts Ausschließliches für uns allein haben, sondern alles mit anderen Christen teilen, sind wir die geborenen Ökumeniker! In der Tat ist die ökumenische Bewegung eine evangelische Geburt. Und wir Evangelischen laden die anderen Christen am intensivsten zur ökumenischen Gemeinschaft ein. Während andere Kirchen immer betonen, warum sie mit uns das Abendmahl noch nicht feiern können oder noch keine ökumenischen Gottesdienste mit uns feiern können, laden wir immer wieder fröhlich dazu ein. Gerade weil wir Evangelischen nicht auf speziellen Besonderheiten bestehen, die von den anderen Christen vor der sakramentalen Einheit unbedingt anerkannt werden müssten, sind wir Ökumeniker. Da wird unsere Schwäche zu unserer Stärke.

Unsere Schwäche wird auch zu unserer Stärke, weil wir manches, was andere zwar auch haben, intensiver haben. Nehmen wir die Predigt. Sie ist für uns Evangelische nicht ein Nebenprodukt des Gottesdienstes weit hinter der Liturgie und Eucharistie, sondern ein Hauptkennzeichen. Wenn sich eine Gemeinde ohne Gottes Wort versammelte, wäre es keine evangelische Gemeinde. Deshalb ist die Predigtkultur in evangelischen Gemeinden (ich rede jetzt nicht von der unseren) besonders entwickelt. Man geht, wenn man zum evangelischen Gottesdienst geht, zu einer Predigt oder gar bewusst zu einem Prediger. Und deshalb kann in evangelischen Kirchen auch die Kanzel in einer Front mit dem Altar stehen.

Oder nehmen wir die Kirchenmusik. Keine andere Kirche der Welt hat eine solche hochentwickelte und gutgepflegte Kirchenmusik in der Breite. Natürlich haben Orthodoxe eine wundervolle Liturgie und Katholiken eindrucksvolle Messen. Aber wo finden wir, trotz aller Einsparungen der letzten Jahre, noch so viele Gemeinden, sogar auf Dörfern, die sich fest angestellte Kantoren leisten, wenn nicht in evangelischen Gemeinden und besonders in Sachsen? Wo finden wir noch so viele Kirchenchöre, Kurrenden, Posaunenchöre wie hier? Da müssen Sie lange suchen. Der Stellenwert der Kirchenmusik im Gottesdienst wird sogar daran deutlich, dass manche Gemeindeglieder nach einem guten Kantor gehen wie nach einem guten Prediger.

Oder nehmen wir die Bibel. Natürlich ist sie die Glaubensgrundlage aller Christen. Aber wo wird die Bibel so intensiv und unvoreingenommen studiert wie in evangelischen Gemeinden? Ich rede nicht vom Bibelstudium der Zeugen Jehovas, das zwar intensiv, aber nicht unvoreingenommen geschieht. Dort geht es nur darum, für eine religiöse Ideologie Belege zu finden und zu rezitieren. Aber in evangelischen Gemeinden gehören Bibellesekreise zum Wesen der Kirche dazu. Ich behaupte, keine Kirche in der Welt hat ein so großes ökumenisches Engagement, eine so hohe Predigtkultur, eine so breit entwickelte Kirchenmusik und eine so intensive Beschäftigung mit der Bibel wie die evangelische Kirche. Unsere scheinbare Schwäche, nichts Einzigartiges zu haben, ist durch die Qualität dessen, was wir pflegen, unsere Stärke.

Natürlich müssen wir uns dieser Stärken bewusst bleiben. Wenn heute manche Evangelischen überhaupt keinen geistlichen Hunger mehr nach einer Predigt haben, ist es um unsere Stärke bald geschehen. Statt fünfzehn Minuten eines gut vorbereiteten Wortes am Sonntagvormittag hören sie lieber zwei Stunden seichten Abendgeplänkels von Politikern und Unterhaltungskünstlern im Fernsehen. Manche unserer Vorfahren unternahmen sonntags eine Tagesreise mit Pferd und Wagen oder gar zu Fuß, um eine Predigt zu hören. Heute sind fünf Autominuten für manchen zu weit.

Oder wenn manche Evangelischen heute überhaupt keinen Choral mehr singen können, ob Jung oder Alt, wird unsere Stärke bald verstummen. Einst waren evangelische Gemeinden für ihren machtvollen Gesang im Gottesdienst berühmt. Wer nicht mehr selber gute Lieder singen kann, der wird auch anfälliger für jene schlechte Musik voller Hass und Gewalt, die sich in Deutschland breitmacht.

Wenn manche Evangelischen heute nicht mehr wissen, wie man die Bibel liest und auslegt, wo man 1. Korinther findet und was die Bergpredigt ist, und wenn sie außer ihrem Konfirmationsspruch nichts mehr im Kopf haben von der heiligen Schrift, dann steht es bald schlecht um unsere Stärke.

Keiner soll sich täuschen: Die Welt wird nicht ungläubig. Der Atheismus hat keine große Zukunft. Zukunft haben die Religionen. Und es gibt starke, aber auch die Menschheit gefährdende Religionen, die vorwärtsdrängen. Wenn dir daran gelegen ist, dass unsere Kirchen auch in Zukunft Kirchen eines menschenfreundlichen Gottes bleiben und dass auch deine Enkel hier im Land noch einen toleranten Glauben haben, dann solltest du deine Kinder heute als Christen stärken und nicht ohne religiöse Orientierung lassen! Auch die Toleranz im Glauben ist ja eine evangelische Stärke, obwohl sie oft wie Schwäche aussieht. Denn nur, wer das Verbindende sucht und nicht das Trennende hervorhebt, wird fähig zur Toleranz. Wenn dir die evangelische Stärke am Herzen liegt, dann sorge du dafür, dass die Predigt nicht ohne Hörer, dass die Choräle nicht ohne Sänger und dass die Bibel nicht ohne Leser bleiben!

Amen.

 

« zurück

Pfarrer Dr. Arndt Haubold
Pfarrer Dr. Arndt Haubold
AnregungAnregung

Uns interessiert Ihre Meinung - 
senden Sie uns Ihre Anregung!