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Predigt zum Reformationsfest über „die Freiheit eines Christenmenschen“
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Predigt zum Reformationsfest über „die Freiheit eines Christenmenschen“

Predigt vom 31.10.11 (Pfarrer Dr. Arndt Haubold) Ort: Martin-Luther-Kirche

Liebe freie Gemeinde!

Was ist die Freiheit eines evangelischen Christenmenschen?

Ist es die Freiheit, eine ausbeuterische Obrigkeit zu stürzen, wie Müntzer es versucht hatte?

Ist es die Freiheit, den Menschen den Gottesglauben zu verbieten und an seiner Stelle den Glauben an die Vernunft als Staatsreligion einzuführen, wie Robbespierre und die französischen Revolutionäre es durchsetzten?

Ist es die Freiheit, das Land der Latifundienbesitzer an die Indios zu verteilen, wie es Che Guevara in Südamerika wollte? Ist es die Freiheit, alle staatlichen und bürgerlichen Bindungen aufzulösen, Armee, Kapital und Ehe, wie es Fritz Teufel und die Generation der radikalen 68er propagierten?

Ist es die Freiheit, die wir DDR-Bürger im Herbst 1989 auf dem Leipziger Ring erkämpft haben?

Oder, um in die Gegenwart einzutreten:

Ist es die Freiheit eines bekannten Theologieprofessors, die Auferstehung Jesu nur als Mythos zu lehren?

Ist es die Freiheit eines bekannten evangelischen Fernsehpfarrers, öffentlich Anleitung zum Austritt aus der Kirche zu geben, deren Pension er verfrisst?

Ist es die Freiheit von der Gottesdienstpflicht nach der Konfirmation, die 90 % unserer Gemeindeglieder sonntags beim gemütlichen Familienfrühstück wahrnehmen?

Ist es die Freiheit von jeglicher staatlicher Unterstützung, die die sogenannten Freikirchen als ihr großes Plus gegenüber den Landeskirchen betrachten?

Ist es die Freiheit vom Papst und seinen Bischöfen, die manchen Pfarrer und manchen Christen sich als seinen eigenen Bischof verstehen lässt, der keine verbindlichen Regeln im Glauben anerkennt als seine eigene Glaubenserkenntnis?

Ist es die Freiheit, in homosexueller Partnerschaft in einem Pfarrhaus zu leben?

Ist es die Freiheit, das Kopftuch muslimischer Frauen in Deutschland im öffentlichen Dienst zu tolerieren?

Oder ist es nur die Scheinfreiheit in Luthers berühmtem Wort vom Christenmenschen als dem Herrn und zugleich dem Knecht aller Dinge?

Was ist die Freiheit eines evangelischen Christenmenschen?

Freiheit steht nach wie vor hoch im Kurs. Die Wahl des beliebtesten deutschen Volkslieds fiel kürzlich auf "Die Gedanken sind frei". Dabei ist Gedankenfreiheit etwas, was es sogar in der DDR gab und was es heute in China gibt. Denken kann jeder hinter seiner Stirn, was er will... Worum es in Wahrheit geht, ist die Freiheit zur Öffentlichmachung der Gedanken, also Pressefreiheit, Religionsfreiheit, Schulfreiheit, Lehrfreiheit, Freiheit der Gerichte, Gewerbefreiheit, Freiheit von Bespitzelung usw. Auch der aktuelle Erfolg der Piratenpartei in Deutschland verdankt sich dem Ruf nach mehr Freiheit, etwa im Internet. Für die meisten Ü-40-Menschen bei uns wird das Erlebnis der gewonnenen Freiheit 1989 auch die dauerhafte Markierung einer glücklichen Lebenswende bleiben.

Natürlich hat die Freiheit eine Schattenseite – sie ist auch eine Freiheit zum Bösen und setzt entsprechende Energien frei. Wer geträumt hat, die Freiheit brächte nur Gutes, der hat wirklich naiv geträumt. Wo wir etwas gewinnen, verlieren wir immer auch etwas. Die Freiheit hat ihren Preis, und der heißt Risiko und Eigenverantwortung. In die Freiheit entlassen zu werden, nimmt uns die Bequemlichkeit des Gefängnisses. Wir müssen abwägen: was hat uns die Freiheit geschenkt, und was hat sie uns genommen? Und danach werden die meisten wohl froh und dankbar sein für den Gewinn der Freiheit. So viel Freiheit wie heute in Deutschland hatten wir noch nie.

Und auch noch nie so viel Glaubensfreiheit. Es gibt keine Kirchenpolizei und keine Inquisition mehr, keine geistliche Schulaufsicht des Pfarrers und keine Exkommunikation ungehorsamer Gemeindeglieder. Viele Bestimmungen in der Kirche haben sich gelockert. Es gibt kirchliche Trauungen und Bestattungen auch für Nichtchristen, keiner wird vom Abendmahl ausgeschlossen, keiner zur Taufe seiner Kinder gezwungen, jeder kann ohne Taufschein Minister werden, es gibt keine Gehorsamspflicht gegenüber dem Pfarrer, kein Kondomverbot beim Geschlechtsverkehr und kaum mehr ein Lehrzuchtverfahren bei angeblicher Irrlehre. Ja, es gibt natürlich eine Kirchensteuerpflicht, aber es wird keiner gezwungen, Kirchenmitglied zu sein. Eine finanzielle Pflicht gibt es in jeder Gemeinschaft – beim ADAC wie bei der AOK, und in der sog. Freikirche ebenso. Im übrigen ist unsere Landeskirche heute freier als die Freikirchen, in denen es oft viel enger zugeht. Und es gibt arbeitsrechtliche Regeln in der Kirche, nach denen eine Frau zwar Bischöfin werden kann, aber keine Muslima Kindergartenleiterin.

Einige Grenzen der Freiheit gibt es also auch in unserer evangelischen Kirche, aber im großen und ganzen viel Freiheit – und darauf ist mancher Evangelische stolz, weil es das Kennzeichen "EV" ist. Andere kommen mit dieser Freiheit und Offenheit nicht zurecht. "Wer komplett offen ist, der ist nicht ganz dicht!", sagen sie. Und sie wünschen sich eher eine Kirche, die noch klare Regeln und Grenzen setzt, wo es noch wie in der geordneten alten Zeit zugeht und nicht wie im Tollhaus der Moderne, und wo eine Autorität spricht: "So soll es sein!" Also eher eine katholische Variante der Kirche. Das führt gelegentlich dazu, dass Evangelische enttäuscht zur katholischen Kirche übertreten, sogar zwei sächsische Pfarrer in diesem Sommer haben es getan. Andere aber treten gerade wegen der evangelischen Freiheit erwartungsvoll aus der katholischen Kirche in die evangelische Kirche über. Es gibt also unterschiedliche christliche Freiheitsbedürfnisse. Vielleicht hat Gott auch deshalb die Konfessionen bis heute geduldet, weil sie unterschiedliche Spielräume für die Glaubenden eröffnen.

Wer allerdings denkt, evangelische Freiheit wäre nur ein Laissez-faire-Glauben, der irrt sich. Ein freier evangelischer Christ lebt durchaus nach Gottes Geboten. Er wendet sie aber auf sein Leben nicht nur mit äußerem Gehorsam an, sondern sucht nach ihrer inneren Bedeutung in seiner Situation. Hat Gott wirklich für alle Zeit einer Frau das Reden in der Gemeinde verboten, oder kann Er es nach heutigem Verständnis auch anders meinen? Hat Gott wirklich für alle Zeit verboten, dass zwei gleichgeschlechtlich liebende Menschen im Pfarrhaus verbindlich zusammenleben, oder kann Er es heute auch anders meinen? Wer nach dem Geist und nicht nur nach dem Buchstaben der Bibel fragt, wird den Willen Gottes nicht immer im wörtlichen, sondern manchmal im übertragenen Sinn erkennen. Er lebt also nach einem situationsethischen Ansatz.

Ein evangelischer Christ hält sich auch an die Ordnungen seiner Kirche. Er tut dies aber nicht wie ein Knecht, sondern wie ein freier Herr. Er wird vielleicht nicht der Erwartung des Pfarrers folgen, jeden Sonntagmorgen zum Gottesdienst zu kommen, aber er wird in angemessener Weise seinen Glauben öffentlich zeigen und bekennen. Insofern ist ein Christenmensch lutherisch verstanden ein Herr über alle Dinge. Aber über ihm steht ein größerer Herr, Christus selbst. Und wenn er ihn wirklich als seinen Herrn anerkennt und liebt, dann verbieten sich manche Freiheiten. Vor allem tritt dann die Liebe als höchster Wert noch über die Freiheit, und aus Liebe wird er manche Freiheit nicht wahrnehmen. Es ist wie in einer guten Ehe: Ich bin in ihr nicht unfrei, aber auch nicht schrankenlos frei, sondern nehme Rücksicht aus Liebe auf den Partner.

Das bedeutet: "Ein Christenmensch ist ein Herr über alle Dinge, und er ist zugleich ein Knecht aller Dinge"! Das ist keine langweilige oder alle Fettnäpfchen umgehende Scheinfreiheit, sondern eine Freiheit, die ständig einen wachen Geist verlangt, um situationsethische Entscheidungen zu treffen, die sich nicht einfach aus dem Gesetzbuch Gottes ablesen lassen. Die evangelische Kirche ist nicht die Kirche der Unverbindlichkeit, sondern die Kirche der Freiheit von religiösen Zwängen und Ängsten und einer Freiheit, die mehr aus Liebe handelt als aus Gehorsam. Und darauf dürfen wir wirklich stolz sein.

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Pfarrer Dr. Arndt Haubold
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